Julia Belot - Presse

 
 

Fred Lex
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Allgemeine Zeitung Bingen, 21.06.2004

 
Digital die Persönlichkeit aufgespürt
Russische Malerin Julia Belot zeigt in Badenheimer Galerie
Porträts und Landschaftsbilder

BADENHEIM Alles ist in Bewegung, alles lebt: die Kinder, die sich um
ein Spielzeug streiten, der Vater, der mit den Kids Fußball spielt, die
porträtierten Menschen, und sogar die Stadtlandschaften sind keine
statischen Architekturabbildungen, sondern wirken wie Momentaufnahmen
aus einem Film. Die 45 Ölgemälde, die zur Zeit in der Galerie unterm
Maulbeerbaum zu sehen sind, spiegeln die Arbeit der russischen Malerin
Julia Belot hauptsächlich seit ihrer Emigration nach Deutschland
vor sechs Jahren wider.

Es ist nicht allein die grundsolide Gegenständlichkeit, die dem Betrachter
den Zugang zu diesen Bildern erleichtert. Wir sehen auch überall die
vertrauten Gegenstände und Menschen unseres Alltags. Barrieren bestehen
also nicht, und eigentlich müsse der Zugang zur Kunst ja auch nicht
schmerzhaft sein, wie Galerist Dr. Richard Auernheimer bei der Eröffnung
der Ausstellung mit sanfter Ironie bemerkte.

Häufig hat die 1969 in Pskow in Russland geborene Künstlerin in den
vergangenen Jahren die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit geweckt. Da
gibt es die Bilderserie mit dem Thema „Limburg, mit fremden Augen
gesehen", die auch das Kernstück der Ausstellung in Badenheim
darstellt und von der Fachhochschule für Kommunikationsdesign in
Wiesbaden als Diplomarbeit gewertet wurde.

In dieser Serie interpretiert Julia Belot die Wirklichkeit einer von
mittelalterlicher Enge geprägten Stadt aus dem Blickwinkel einer
Künstlerin, die während ihres Studiums an der Staatlichen Akademie
der Künste in Sankt Petersburg umgeben war von der repräsentativen
Prunkarchitektur zaristischer Machtentfaltung. „Es war so, als sei ich
in einem Bühnenbild mit den Dekorationen zu den Märchen von Hans
Christian Andersen gelandet", beschreibt sie ihren Wechsel von
Sankt Petersburg nach Limburg. Mit der Wahl der Bildgröße habe sie
indirekt versucht die Fähigkeit der Menschen in Limburg widerzuspiegeln,
ihr Leben auf kleinstem Raum zu organisieren.

Es geht ihr überhaupt nicht darum, touristische Sehenswürdigkeiten
abzubilden und Repräsentationsbauten unter neuer Perspektive zu
zeigen. Statt dessen finden wir charakteristische Details, viel Fachwerk
und mysteriöse Dachformen vor einem meist zitronenhellgelben Himmel,
der die Stadtsilhouette hervorhebt. „Meine Bilderserie ist eine sorgfältige
Auswahl von Ausschnitten mit Schnappschusscharakter“, beschreibt
die Künstlerin ihre Arbeit. Das gilt auch für die Porträts. Mit der
Digitalkamera hat die Malerin im Gespräch mit den Kandidatinnen und
Kandidaten deren Mimik und Gestik erkundet und so den Zugang zur
Persönlichkeit gefunden. Von der Statik des traditionellen Atelierporträts
hat sich die Künstlerin verabschiedet und den Weg zu einer neuen
Betrachtungsweise voller Frische und Lebendigkeit geöffnet.

   
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